Bestandsaufnahme - Die Folgen mangelnder Wartung und Pflege

Als erstes stand natürlich eine ausgiebige Bestandsaufnahme auf dem Programm. Zunächst wurde eine optische Inspektion im Inneren durchgeführt, wobei sich leider schon hier die Vermutung bestätigt, dass der Vorbesitzer nur ein Auto zum Fahren gebraucht hat, und keinerlei Investitionen für die Werterhaltung getätigt hat: Die Seitenverkleidungen in den Türen fallen schon fast raus, und bestehen eigentlich nur mehr aus zerfetztem Material. Alle Sitzbezüge sind zerissen, die Sitzpolsterung der Vordersitze befindet sich in einem Zustand der permanenten Auflösung und Zerbröselung, der Stoff der hinteren Sitzbank liegt ohne jedes Füllmaterial eigentlich nur mehr direkt auf dem Federkern. Aber gut: Mit Polstermaterial und neuen Sitzbezügen lässt sich das wieder herstellen, ebenso gibt es ja neu angefertigte Tür- und Seitenverkleidungen.
Weiter gehrt die optische Inspektion im Aussenbereich: Der (relative neu aufgebrachte) Lack scheint soweit OK zu sein, bei genaueren Hinsehen findet sich aber ordentlicher Murks: Auf der Heckblende finden sich überlackierte Rostnester sowie ein zu undefinierbaren Zwecken in die Heckblende gebohrtes Loch. Hier steht Spengler- und Lackiererarbeit an. An der Beifahrertüre lauern dann noch ein paar kleine Rostblüten, und der rechte hintere Kotflügel weist eine Schramme auf. Gut, nichts, was sich nicht richten lässt! Die Felgen rosten friedlich vor sich hin, auch hier steht eine Neulackierung an. Ebenso merkt man den Radkappen an, dass diese sensiblen Teile nie eine entprechende Pflege erhalten haben: Die Aluminiumteile lassen jeden ursprünglichen Glanz vermissen, stumpf und matt sitzen sie auf den Felgen. Aber das ist mit ein paar Stunden Arbeit am Polierbock wieder leicht zu beheben!
Beim Versuch die Kofferraumhaube zu öffnen, gibt es ein Problem: Trotz intensivem Ziehen am Öffnungsseilzug tut sich nichts. Gut, dass das Auto so klein ist: Mit der rechten Hand den Seilzug im Innenraum betätigen, und mit der linken die Haube vorne anheben - na bitte: Schon ist der Kofferraum offen, und offenbart gleich mal den nächsten Murks. Statt der konischen Gummistöpsel, die auf den geschlossenen Kofferraumdeckel Druck ausüben, und ihn beim Ziehen des Seilzuges aufspringen lassen, kleben Möbel-Filzgleiter a la IKEA an der Karosserie. Logisch, dass da nichts mehr funktioniert hat. Dass man alte Originalgummis, die brüchig sind, nur mit einem Originalteil ersetzen soll, müsste eigentlich klar sein. Zeit zum Austausch 1 Minute, Kostenpunkt für die neuen Teile: 1 Euro! - Scheinbar war schon dieser Betrag dem Vorbesitzer zu viel Geld .....
Aber gut: Frische Batterie rein, Benzin in den Tank, und ein Startversuch. Au Backe .... das hört sich gar nicht gut an. Ruckweise quält sich der Starter, dreht dann doch noch den Motor hoch und der springt dann auch stotternd an, bleibt aber schon kurz drauf unter hinterlassen einer gewaltig nach Benzin stinkenden Abgaswolke stehen. Nach einigen weiteren Startversuchen nervt mich das ruckartige Drehen des Starters derart, dass ich ihn kurzerhand ausbaue und überprüfe. Richtig geraten: Die Kohlen sind am Ende! Zum Glück findet sich im Fundus ein passendes Paar, und nach 1/4 Stunde Arbeit dreht der Starter, dass es eine wahre Freude ist! Wie gesagt: 15 Minuten Arbeitszeit und 2,50 Euro für neue Kohlen. Scheinbar war auch das dem Vorbesitzer schon zuviel Invenstition!
Mit den neuen Starterkohlen lässt sich der Motor jetzt auch schön starten. Anspringen tut er allerdings nur ohne Choke und wenn er warm wird, fängt er zu ruckeln an und stirbt ab. Da passt was nicht. Kurzer Blick in den Motorraum: Oh je, der Vergaser sitzt auf irgendwelchen Zwischenflanschen, deren Sinn absolut nicht erkenntlich ist. Also: Raus mit diesem Mist, nochmals starten. Aha, jetzt wird der Choke benötigt. Einstellen von Leerlaufluft und Standgas, und die ganze Sache geht schon viel besser! Noch ein Blick in den Zündverteiler: Hui, da drinnen sieht es aus .... als erste Soforthilfe einen neuen Verteilerfinger und eine neue Verteilerkappe aus dem Fundus - und siehe da: Der 600er läuft ja schon fast wie neu! Getätigte Investition: 22,- Euro und 15 Minuten Arbeitszeit ... und ein bisschen Liebe zum alten Blech!
Nachdem der Wagen ja bereits angemeldet ist, steht einer Probefahrt jetzt nichts mehr im Wege. Also: Rein ins Auto mit Katrin, die sich riesig freut, endlich wieder einmal mit "Susi" mitfahren zu können, und ab geht die Post. Hmmm, die Bremesen gehen heute auch etwas weich ... sollten wohl mal nachgestellt werden. Die nächste Ampel ist rot, also runterschalten und bremsen ??????? BREMSEN !!!!!!! Schei..... - da geht jetzt gar nix mehr! Das Bremspedal lässt sich ohne Widerstand bis aufs Bodenblech durchtreten ... Zum Glück ist die Kreuzung frei! Also, rasch zurück in die Garage, unter Einsatz von Motorbremse und Handbremse, und dann ein erster Blick in den Vorratsbehälter der Bremse: randvoll! Scheinbar kein Leck in der Bremsleitung, offenbar ist der der Hauptbremszylinder hinüber. Gut, wenigstens wissen wir jetzt, was alles zu tun ist!
Noch eine letzte Inspektion. Mal sehen was da noch alles auftaucht. Nach den bisherigen Entdeckungen bin ich ja schon auf alles möglich gefasst. Doch es kommt noch schlimmer: Am Motor findet sich ein Zettel vom letzten Ölwechsel, durchgeführt von einer (für Oldtimerfragen sicherlich sehr kompetenten) Werkstätte. Hier ist zu lesen, dass der Motor mir einem "Vollsynthetischen Spezialöl für Dieselmotoren" befüllt wurde. Ganz sicher das optimale Betriebsmittel für einen 50 Jahre alten Ottomotor!?! Zu allem Überdruss findet sich auch noch im Kofferraum ein Reservegebinde mit diesem Gebräu, damit der kleine 767ccm Motor immer gut nachgefüllt werden kann. Nun gut, "Frisch ans Werk" lautet jetzt einmal die Devise!

 
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